25.06.2012

„Für mich war Kirchenpfleger der schönste Beruf“

Hans-Jochen Berger ist Kirchenpfleger mit Leib und Seele: Auch nach fast 24 Jahren als „Finanzminister“ von Evangelischem Kirchenbezirk, Evangelischer Gesamtkirchengemeinde Esslingen und Stadt- und Frauenkirchengemeinde sagt er: „Für mich war das der schönste Beruf.“ Jetzt geht der 63-Jährige in den Ruhestand. Am 15. Juli wird Hans-Jochen Berger verabschiedet. Sein Nachfolger wird Eberhard Bantel.

„Ein Kirchenpfleger ist der Verwaltungsleiter der kirchlichen Finanzen, er reinigt nicht die Kirche“, räumt Berger schmunzelnd mit einem Irrtum auf. „Heiligenpfleger“ hieß der Kirchenpfleger früher. Zu tun hat der Kirchenpfleger, der im Kirchenbezirk „Kirchenbezirksrechner“ heißt, eine ganze Menge. Esslingen ist die zweitgrößte Kirchenpflege in der Evangelischen Landeskirche nach Stuttgart und Berger verantwortet einen Etat von 13 Mio. Euro.

Bei der Stadt Esslingen hat Hans-Jochen Berger eine Ausbildung im gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst absolviert, bevor er in der Stadtkämmerei und im Rechnungsprüfungsamt tätig war. „Ich wollte mehr mitgestalten“, begründet er, warum er 1989 in den kirchlichen Dienst wechselte. 1997 kam die Verantwortung für die Finanzen des Kreisdiakonieverbands dazu.

„Hinter den Zahlen steckt immer etwas Konkretes, man muss Finanzen so einsetzen, dass Menschen einen Nutzen davon haben.“ Dieser Leitlinie ist er auch in Zeiten knapper werdender Einnahmen treu geblieben. Mit rund 30 Prozent  weniger Kirchensteuereinnahmen als 1993 muss die Gesamtkirchengemeinde Esslingen heute auskommen, beim Kirchenbezirk sind es 15 Prozent.
 
Aufgaben nicht zurückgefahren
 
„Die Kunst ist, dies durch Rücklagen auszugleichen, diese aber nicht so stark abzubauen, dass kein Geld mehr da ist“, sagt Berger. „Es ist uns gelungen, unsere Aufgaben nicht zurückzufahren“, sagt er stolz. Das bedeutete aber auch, sich von Immobilien zu trennen.
 
Als Kirchenpfleger ist Berger für den Gebäudebestand der evangelischen Kirche zuständig. Vor allem dies ist für ihn ein spannendes Arbeitsfeld. Mehr als 80 Gebäude – Kirchen und Gemeindezentren, Pfarrhäuser, Gemeindehäuser, Kindergärten, aber auch Wohnhäuser sind im Besitz der Gesamtkirchengemeinde Esslingen. Dazu gehören außerdem Grundstücke wie Ackerland oder ein 100 Hektar großes Waldstück beim Weißen Stein auf Plochinger Markung.
 
Viele Baustellen
 
In Hans-Jochen Bergers Amtszeit wurde viel gebaut und saniert: Das Gemeindehaus am Blarerplatz, die Franziskanerkirche, die Außenfassade der Stadtkirche und als „Dauerbaustelle“ die Frauenkirche. Bei mittelalterlichen Kirchen spielt immer auch die Baugeschichte eine Rolle – ein Gebiet, das den Kirchenpfleger begeistert. „Ich hatte faszinierende Begegnungen mit Architekten, Baumeistern, Sachverständigen und Künstlern“, schwärmt er.
 
Schmerzlich aber richtig sei es dagegen gewesen, die Gartenstadtkirche in Oberesslingen abzureißen und stattdessen das Gartenstadthaus zu bauen. Dass er den Abschluss der Sanierung der Frauenkirche und den Bau des Hospizhauses nun nur noch als Ruheständler miterleben wird, bedauert der Kirchenpfleger.

Jour fixe mit dem Dekan
 
Drei Dekane hat Hans-Jochen Berger als Chefs gehabt: Klaus Scheffbuch, Dieter Kaufmann und Bernd Weißenborn. Die enge Zusammenarbeit erfordert  ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis. Nicht in den Gremien streiten, sondern vorher die gemeinsame Linie klären, das war seine Devise. Dafür gab es den wöchentlichen Jour fixe immer dienstags um 8 Uhr.
 
Als Kirchenpfleger muss man viele Sitzungen bestreiten. „Das darf einen nicht schrecken. Man muss es mögen, mit unterschiedlichen Leuten Dinge auf den Weg zu bringen.“ Oft waren die Gremien mit Ehrenamtlichen besetzt. „Man darf nicht den Eindruck erwecken, dass die Entscheidungen schon feststehen, sondern muss die Leute mitnehmen“, ist Berger überzeugt.
 
Solide Finanzsituation
 
Spannend waren immer die Haushaltsplanberatungen. „Wird alles so akzeptiert?“, fragte er sich oft. „Haushaltspläne sind immer die Umsetzung von Beschlüssen der unterschiedlichen Gremien“, betont Berger. Dies in das Zahlenwerk zu übersetzen, sei sein Handwerk. Derzeit seien die Finanzen des Kirchenbezirks und der Gesamtkirchengemeinde solide. „Aber die Situation wird angespannter werden“, ist der Kirchenpfleger überzeugt.

Über seine beruflichen Aufgaben hinaus war Hans-Jochen Berger ehrenamtlich in Gremien der Landeskirche, im Ausschuss der Vereinigung der Kirchenpfleger, im Vorstand der Diakonie- und Sozialstation Esslingen und im Verein Heimstatt engagiert.

Von der Kirchenpflege in den Hörsaal
 
Wird es dem Frühaufsteher fehlen, nicht morgens um 7 Uhr an seinem Schreibtisch in der Augustinerstraße zu sitzen? „Jetzt kommt etwas anderes“, sagt Hans-Jochen Berger. Zunächst plant er ein Studium Generale an der Volkshochschule Stuttgart. „Vielleicht studiere ich dann auch Kunstgeschichte in Tübingen“, erwägt er. Vor allem aber will der bald dreifache Großvater mehr Zeit für seine Enkel haben und mit seiner Frau reisen.

Verabschiedung am 15. Juli
 
Am 15. Juli 2012 wird Hans-Jochen Berger im Gottesdienst um 10.30 Uhr in der Esslinger Stadtkirche verabschiedet.

Autor: Ulrike Rapp-Hirrlinger

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