07.10.13

Frömmigkeit und Bildung

Vor 300 Jahren, am 17. November 1713, kam der evangelische Theologe Johann Albrecht Bengel (1687 – 1752) nach Denkendorf. Er blieb hier 28 Jahre. Bengel gilt als der wichtigste württembergische Pietist des 18. Jahrhunderts. Das Jubiläum nimmt die Evangelische Kirchengemeinde Denkendorf zum Anlass, in einer Vortragsreihe das Wirken Bengels darzustellen. Der Denkendorfer Pfarrer Dr. Rolf Noormann, zugleich Dozent für Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg, wird an drei Abenden über „300 Jahre Bengel in Denkendorf“ sprechen.

J. A. Bengel

Im Kloster Denkendorf war 1713 gerade die evangelische Klosterschule neu eröffnet worden. In den württembergischen Klosterschulen wurden junge Menschen auf den Beruf des Pfarrers oder Lehrers vorbereitet. Der 26-jährige Johann Albrecht Bengel wurde zum zweiten Lehrer berufen. Er unterrichtete die Schüler, die zwischen 14 und 18 Jahre alt waren, vor allem in Latein und Griechisch und begleitete ihre regelmäßigen Gebetszeiten. Außerdem predigte er sonntags im Wechsel mit seinem Kollegen in der Klosterkirche. Dort hängt noch heute sei Portrait. Den Unterricht an der Klosterschule könne man kaum mit dem heutiger Schulen vergleichen, weiß Pfarrer Rolf Noormann. „Im Mittelpunkt stand das Erlernen der sogenannten alten Sprachen Lateinisch, Griechisch und Hebräisch. Im Kloster sollte nur Lateinisch gesprochen werden.“ Erst wenn die Schüler die alten Sprachen einigermaßen beherrschten, sei noch etwas Geschichte, Mathematik und Geografie hinzugekommen.

 

Wenige Unterrichtsstunden

 

Besonders überraschend sei aus heutiger Sicht der Stundenplan, sagt Noormann. Montags, freitagvormittags und samstagnachmittags wurde kein Unterricht gehalten. „Sonsten werden von den Lehrern des Tags vier Unterrichtsstunden gehalten“, schreibt Bengel in einem Brief. Jeder der beiden Lehrer hielt von Dienstag bis Donnerstag zwei Unterrichtsstunden, freitags eine und samstags alle 14 Tage zwei. „Die Schüler sollten die Zeit zwischen und nach den Unterrichtsstunden und an den unterrichtsfreien Tagen zum Lernen und Lesen nutzen“, erklärt Noormann.

 

„Es liegt auf der Hand, dass Bengel mit seiner Tätigkeit als Lehrer der Klosterschule nicht ausgelastet war. Ein mindestens ebenso großer Schwerpunkt seiner Zeit in Denkendorf lag auf der wissenschaftlichen Forschung.“ Mit seinen Schülern nahm er regelmäßig das Neue Testament durch.

 

Große Liebe zur Bibel

 

Der in Winnenden geborene Bengel war pietistisch geprägt und hegte bereits als Kind eine große Liebe zur Bibel. Weil die ursprünglichen Texte des Neuen Testaments nicht mehr erhalten und die Abschriften fehlerhaft sind, fragte sich Bengel, was am Anfang tatsächlich im Text gestanden hat. „Er verglich nicht nur alle erreichbaren gedruckten Ausgaben, sondern auch viele Handschriften“, sagt Noormann. Daraus entstand eine große Ausgabe des griechischen Neuen Testaments, die 1734 erschien. Bengel gelte deshalb als einer der Wegbereiter der modernen Ausgaben des Neuen Testaments.

 

Doch Bengel beschäftigte sich auch mit der Bibelübersetzung. Mit der teilweise freien Übersetzung Luthers war er nicht glücklich. „Wenn es um das Wort Gottes gehe, so meinte er, könne eine Übersetzung gar nicht genau genug sein“, erklärt Noormann. Noch wichtiger als eine genaue Übersetzung sei ihm aber gewesen, dass die Bibel gelesen werde. Er schrieb eine ganze Reihe von Büchern zur Auslegung des Neuen Testaments. Das berühmteste ist der 1742 erschienene „Gnomon“.

 

Seine Begeisterung galt besonders der Auslegung der Offenbarung des Johannes. Dass er sich dabei in Theorien und Zahlenspekulationen verstieg, wurde schon damals kritisch gesehen. So berechnete er den Beginn des tausendjährigen Reiches auf das Jahr 1836.

 

Auch heute noch aktuell

 

Dennoch hält Rolf Noormann Bengel durchaus für aktuell. Die Berechnungen aus der Offenbarung werfen für ihn die Frage auf: „Wie muss ich meine Zeit deuten? Gerade in seinem Scheitern kann man von Bengel lernen.“ Bengel sei zudem als Pädagoge seiner Zeit voraus gewesen. „Statt nur mit Strenge zu erziehen, plädierte er dafür, die Jugendlichen wachsen und sich selbständig entwickeln zu lassen.“

Auch in der Genauigkeit, die er in der wissenschaftlichen Untersuchung der Bibel an den Tag legte, sei Bengel vorbildlich. „Ihm war es wichtig, nicht die eigenen Gedanken an die Stelle des biblischen Wortes zu setzen.“

 

Vortragsreihe

 

„300 Jahre Bengel in Denkendorf“, jeweils 19.30 Uhr in der Pfarrscheuer im Klosterhof, Referent: Pfarrer Dr. Rolf Noormann

11. Oktober: „Frömmigkeit und Bildung“ - Bengel als Lehrer an der Klosterschule Denkendorf

25. Oktober: „Es kommt auf jede Kleinigkeit an“ – Bengel und die wissenschaftliche Erforschung der Bibel

8. November: „Bald ist es soweit!“ – Bengel als Ausleger der Offenbarung des Johannes