09.11.15

Advent als heilsame Unterbrechung

Die Theologin und frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann ist am ersten Advent zu Gast in Hochdorf. Gemeinsam mit dem Profigitarristen Werner Hucks präsentiert sie eine Konzertlesung mit adventlichen Texten. Zu diesem literarisch-musikalischen Nachmittag laden die Evangelische Kirchengemeinde Hochdorf und das „S‘Cafele“ Hochdorf ein.

M. Käßmann - Foto: Steffen Roth

„Das Dunkel wahrnehmen und dennoch die Sehnsucht wachhalten, dass es anders sein könnte: Heller, kreativer, lebensfroh, ja lebenssatt - darum geht es in den Texten zum Advent. Licht durchbricht die Dunkelheit“, sagt Margot Käßmann. Über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Advent spricht sie im Interview mit Ulrike Rapp-Hirrlinger.

 

Was bedeutet Ihnen persönlich die Adventszeit?


Margot Käßmann: Ich mag es besonders, in der Adventszeit langsam ein Licht nach dem anderen anzuzünden auf Weihnachten hin. Es ist eine Zeit der Vorbereitung für das Fest der Geburt des Gotteskindes. Du denkst an andere – was könnte ich schenken? Du schreibst Karten an Menschen, die Dir etwas bedeuten. Und Du findest Zeit zum Reden, zum Schweigen, zum Lesen in besonderer Atmosphäre. Gegen diese ganzen Stressattacken bin ich ziemlich immun.

Warum ist es wichtig, den Advent bewusst zu feiern?

Margot Käßmann:
Früher war der Advent ja Fastenzeit, heute ist es fast das Gegenteil: Schlemmen, Glühweintrinken, Kaufen, Geselligkeit. Mir ist wichtig, Zeit zum Denken zu haben. Was bedeutet mir diese Geschichte, dass Gott mitten in die Welt kommt? An Weihnachten feiern wir ja das. Und in diesem Jahr werden wir die Geschichte von der Geburt eines Kindes in einem Elendsquartier, das schon bald auf die Flucht muss noch einmal ganz neu hören…

Tragen aus Ihrer Erfahrung heute noch alte Adventsrituale oder muss man neue (er)finden?

Margot Käßmann: In einer Zeit, in der Innovation angesagt ist und alles ständig neu sein soll, tun die alten Rituale besonders gut, finde ich. Und sie tragen auch heute: die Kerzen, der Adventskalender, das Warten, das Basteln von Strohsternen, das Wünschen und Hoffen, der Nikolaus – an meiner ältesten Enkeltochter erlebe ich neu mit, wie sie das fasziniert.

Wie gestalten Sie die Adventszeit für sich persönlich? Bringen Sie nach Hochdorf Ideen und Vorschläge mit?

Margot Käßmann:
Meine Hauptbotschaft ist: Nehmt euch Zeit. Ich freue mich, wenn Menschen zu so einem Abend kommen, denn sie suchen ja bewusst eine heilsame Unterbrechung der Hektik, die fast unausweichlich zu sein scheint in der Adventszeit im Konsumzeitalter. Ich bremse bewusst aus in der Adventszeit und bin glücklich, wenn ich einen Abend mit Buch auf dem Sofa verbracht habe oder in einem Kirchenkonzert war und wegtauchen kann von all dem Rummel.

Sie werden in Hochdorf Adventstexte vortragen. Welches ist Ihr liebster Text?

Margot Käßmann: Mein liebstes Adventslied stammt von Jochen Klepper: „Die Nacht ist vorgedrungen.“ Er hat den Advent geliebt. Und sich am Ende mit seiner jüdischen Frau und deren Tochter im Advent das Leben genommen aus Angst vor der Deportation. Da kommen Hoffnung, Verzweiflung und Glaube sehr dicht zusammen.


Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum. Hat die Adventszeit aus Sicht der Reformatoren eine besondere Bedeutung?

Margot Käßmann: Martin Luther hat sich selbst als „Weihnachtschrist“ bezeichnet. Dass Gott in diese Welt kam als Kind, diese Glaubensgrundlage hat ihn geprägt. Und er hat eines der beliebtesten Weihnachtslieder gedichtet und selbst vertont: „Vom Himmel hoch, das komm ich her“.