09.12.13

Einblicke in das Leben alter Menschen

Sie haben sich eingelassen auf eine Welt, die vielen von ihnen fremd ist: Konfirmandinnen und Konfirmanden der Esslinger Stadt- und Frauenkirchengemeinde haben gemeinsam mit Pfarrer Christoph Bäuerle und Diakon Rolf Hartog ein diakonisches Projekt im Altenpflegeheim Obertor gestaltet. „Jugendliche, die selbst erst 13 oder 14 Jahre alt sind, sollen sich dem oft angstbesetzten bzw. tabuisierten Thema 'Alter' nähern. Sie sollen verstehen, dass Altwerden zum Leben gehört. Dazu müssen sie aber erstmal Einblick in das Leben alter und auch pflegebedürftiger Menschen bekommen.", sagt Pfarrer Bäuerle.

Konfirmanden-Projekt - Fotos: URH

Bereits im vergangenen Sommer hatten sich die Konfirmanden an einem Gottesdienst für Menschen mit Demenz in der Esslinger Frauenkirche beteiligt. „Da entstanden schon erste Kontakte“, sagt Bäuerle. Der erste Projekt-Nachmittag kreiste dann um die Frage, was es heißt, älter zu werden. Auch ein wichtiges Ziel des Projekts ist, dass die Jugendlichen die Arbeit des Gemeindediakons mit alten Menschen kennen lernen und merken, dass die Altenpflege eine Aufgabe der Diakonie ist.

 

Am zweiten Nachmittag bekamen die Konfirmanden im Gespräch mit den Bewohnern des Pflegeheims ganz konkrete Einblicke in das Leben und den Tagesablauf alter Menschen. Sie lernten unter Anleitung von Cornelia Rebstock vom Sozialdienst, die das Projekt begleitete, mit Rollstühlen und Rollatoren umzugehen. Das kommt ihnen auch im Begleitprojekt zu Gute, wenn jeweils vier bis fünf Konfirmanden Bewohner zum Gottesdienst abholen und anschließend wieder in ihre Zimmer bringen. Fröhlich und gesellig ging es auch am dritten Nachmittag zu, an dem sich Bewohner und Jugendliche zu einer kreativ-spielerischen Begegnung trafen. Während im Tagestreff Plätzchen gebacken wurden, organsierte ein anderer Teil der Gruppe im Festsaal eine Spielstraße im Sitzen.

 

Plätzchen backen im Tagestreff

 

Im Tagestreff duftet es verführerisch nach Weihnachtsgebäck. Der Geräuschpegel ist dank angeregter Gespräche hoch. Um einen langen Tisch sitzen und stehen die Tagesgäste, dazwischen sieben Konfirmandinnen. Eifrig werden Plätzchen ausgestochen, dekoriert und gebacken. „Der Umgang mit jungen Menschen gefällt mir und sie haben sich alle wirklich gut angestellt“, lobt Anna Röhrborn, während sie routiniert Plätzchen aussticht und den Konfirmandinnen Tipps gibt. Auch manch anderer Besucher der Tagespflege wünscht sich öfter junge Besucher.

 

Treffsicher auch im Rollstuhl

 

Im Festsaal geht es derweilen sportlich zu: Ringe werden geworfen, ein Fallschirmtuch geschwungen oder gekegelt. Da entwickelt mancher der Pflegeheim-Bewohner richtigen Ehrgeiz. Und sie beweisen, dass man auch vom Rollstuhl aus durchaus noch treffsicher sein kann. Behutsam gehen die Konfirmanden mit den alten Menschen um, reichen ihnen Ringe und Bälle oder ein Glas Wasser und helfen denen, die es brauchen, beim Umblättern der Gesangbuchseiten, als Pfarrer Bäuerle Kirchenlieder anstimmt.

 

Nachdenklich dann der gemeinsame Abschluss, bei dem Christoph Bäuerle die Runde nach ihren Eindrücken fragt. „Ich habe hier Menschen getroffen, die eingeschränkt sind. Und doch geben sie nicht auf“, sagt ein Konfirmand. „Mein Umkreis wird immer kleiner. Wenn man sieht, dass man stetig an Beweglichkeit verliert und das als selbstverständlich nimmt, tut es nicht so weh“, meint der 90-jährige Leonhard Rupflin.

 

Nachdenkliche Konfirmanden

 

„Mit dem Älterwerden verbinde ich...“ - diesen Satz sollten die Bewohner, Mitarbeiter und Konfirmanden zu Ende sprechen: „Es ist manchmal schön, manchmal nicht“, sagt Friederike Schmidt, die im Rollstuhl sitzt. Rupflin ergänzt: „Ich verbinde damit die Erkenntnis, dass ich einmal aus dem Leben scheiden muss und Gott mich zu einer bestimmten Tätigkeit in der Ewigkeit ruft.“ Auch die Konfirmanden fragt der Pfarrer, was sie mit dem Alter verbinden: „Schlauer und weiser werden, langsamer und schwerhöriger, dass sich sportliche Aktivitäten beschränken, das Leben schwieriger wird, aber auch ein neuer Lebensabschnitt sein kann, in dem es noch viel zu erleben gibt, dass man zwar eingeschränkter ist, aber seine Lebenslust nicht verlieren muss“, so einige Antworten der Jugendlichen.

 

Pfarrer Bäuerle hat seine Konfirmandinnen und Konfirmanden bei diesem Projekt als sehr nachdenklich und einfühlsam älteren Menschen gegenüber erlebt. „Viele sind ins Nachdenken gekommen, andere haben von eigenen Erfahrungen mit älteren Menschen erzählt.“ Für ihn hat sich das Konzept bewährt. „Konfirmanden lassen sich gerne auf konkrete Lernfelder ein, sind neugierig, andere Lebenswelten und Situationen kennenzulernen.“ Wiederholung also nicht ausgeschlossen – die Bewohner des Obertor würden sich freuen.