18.11.10

In Hochdorf lebt eine alte Tradition weiter

Früher gab es sie in den vielen Gemeinden. Heute hat sich die Tradition der „Leichenchöre“, die inzwischen meist „Beerdigungschöre“ heißen, nur noch in wenigen Kirchengemeinden erhalten. Einen der wenigen noch existierenden Beerdigungschöre im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen gibt es in der Evangelischen Kirchengemeinde Hochdorf.

Der Hochdorfer Beerdigungschor im Einsatz

Hochdorfer Beerdigungschor im Einsatz

Ludwig Uhland ließ in seinem Gedicht von der Wurmlinger Kapelle den Leichenchor „schauerlich“ klingen. In Hochdorf wacht mit Hanna Bauer eine ausgebildete Kirchenmusikerin über die Qualität des Gesangs. Wann der Hochdorfer Chor gegründet wurde, vermag Ruth Traub, die den Beerdigungschor 20 Jahre lang geleitet hat, nicht zu sagen. „Auf jeden Fall vor dem zweiten Weltkrieg." Ursprünglich ein reiner Frauenchor, verstärken seit 2002 Männerstimmen den Chor. „Durch die Tenöre und Bässe klingt er voller und wir können auch vierstimmig singen“, freut sich Hanna Bauer, die 1981 die Chorleitung von ihrer Mutter übernahm. Die Kantorin ist bei der Evangelischen Kirchengemeinde angestellt, leitet den Beerdigungschor jedoch ehrenamtlich. Heute singen die rund 20 Sängerinnen und Sänger bei Beerdigungen zunächst in der Leichenhalle und dann am Grab.

 

Trauerzug durch die Gemeinde

 

Früher war das anders, erinnert sich Ruth Traub: „Der Verstorbene wurde vom Trauerhaus abgeholt und der Chor begleitete den Sarg und die Trauergemeinde durch das Dorf zum Friedhof. Immer wenn die Träger den Sarg für eine Verschnaufpause abstellten, sang der Chor. Zuvor jedoch musste eine Stafette von Jungen der Mesnerin ein Zeichen geben, die daraufhin das Glockengeläut unterbrach.“

 

„Auch heute verfügt Hochdorf nur über eine offene Leichenhalle ohne Instrument, das den Gesang der Gemeinde unterstützen und die Beerdigung musikalisch begleiten könnte“, bedauert Hanna Bauer. Vielleicht habe sich deshalb auch die Tradition des Beerdigungschors erhalten. Zehn bis 20 Mal kommt der Chor pro Jahr zum Einsatz. Oft dann, wenn der Verstorbene nicht in einem anderen musiktreibenden Verein  war und nicht immer nur bei Evangelischen. „Ab und zu singen wir auf besonderen Wunsch auch auf katholischen Beerdigungen“, erzählt Hanna Bauer.


Einsatz bei Wind und Wetter

 

Die offene Halle und das Singen am Grab haben ihre Tücken: „Es gibt keine Akustik und der Wind verweht zuweilen den Gesang“, erklärt die Kantorin, warum das Singen dort schwieriger ist als in der Kirche – ganz zu schweigen von Kälte und Nässe, denen nicht nur die Trauergäste und der Pfarrer, sondern auch der Chor ausgesetzt sind. Doch für den Beerdigungschor sind das nur Nebensächlichkeiten. Er will mit seinem Gesang Trost spenden und der Beerdigung einen würdigen Rahmen geben.

 

Festes Repertoire

 

In einem dicken Heft sind die rund 30 Lieder, die zum festen Repertoire gehören, zusammengefasst. „Es ist eine Mischung alter und neuerer Lieder, wir erweitern das Spektrum immer wieder“, erzählt die Chorleiterin. Traditionelle Kirchenlieder wie „Befiehl du deine Wege“ oder „So nimm denn meine Hände“, sind genauso darunter wie Taizé-Gesänge, „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ oder „Bewahre uns Gott“. Aus diesem Repertoire können die Angehörigen Lieder auswählen. Überlassen die Trauernden der Chorleiterin die Auswahl, überlegt sie, ob sie Lieder kennt, die der Verstorbene besonders gern hatte, wie alt er war und ob er der Kirche eher nah oder fern stand.


Viermal pro Jahr trifft sich der Chor zu einer intensiven Probeneinheit, bei der auch neue Lieder einstudiert werden. Sonst wird nur kurz vor der jeweiligen Beerdigung geprobt. „Neue Sängerinnen und Sänger sind uns sehr willkommen“, betont Hana Bauer. „Wir tragen uns selbst“, erzählt sie. Für seinen Einsatz verlangt der Chor einen Beitrag von 100 Euro, der als kleine Entschädigung an die Chorsänger aufgeteilt wird.


Gesang mildert die Trauer

 

Stets nur bei traurigen Anlässen zu singen, mache den meisten nichts aus, erzählt die Kantorin. „Wir wollen mit unserem Gesang die Trauer mildern.“ Vertraute Lieder weckten Erinnerungen und knüpften an eine Tradition an. Das tröste viele Trauergäste. „Lieder sprechen Trauernde oft mehr als an Worte“, ergänzt Ruth Traub. Schwer sei es für die Sängerinnen und Sänger, wenn sie den Verstorbenen gut gekannt hätten oder ein junger Mensch beerdigt werde. „Durch die jahrelange Routine hat man ein anderes Verhältnis zum Tod, sieht ihn als natürlichen Bestandteil des Lebens“, sagt Hanna Bauer.