19.12.12

Mit den Sinnen erwacht die Erinnerung

Wie feiert man Weihnachten mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind? Erreicht sie die biblische Botschaft? Wie weckt man vergrabene Erinnerungen? Im Geriatrischen Zentrum Kennenburg in Esslingen wird in den drei Demenzbereichen die Weihnachtszeit ganz bewusst gestaltet.

Altes Puppenhaus im GZE - Foto: Ch. Reusch

Altes Puppenhaus im GZE - Foto: Ch. Reusch

"In der Advents- und Weihnachtszeit mit ihren Ritualen und althergebrachten Bräuchen können wir Menschen mit Demenz besonders gut erreichen“, weiß Pfarrerin Cornelia Reusch. Wenn Weihnachtslieder gesungen und gespielt werden, der Duft von Tannenreisig oder Weihnachtsgebäck durch den Raum zieht, eine Krippe aufgestellt, bekannte Gedichte und Gebete gesprochen und Geschichten erzählt werden, spricht das Menschen mit Demenz über die Sinne an.


Lange vor der Weihnachtsfeier beginnen die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pflegestift, einer Einrichtung der Diakonie, mit den Weihnachtsvorbereitungen. „Wo immer möglich beteiligen wir die Menschen mit Demenz“, erzählt Gudrun Fröhler, die sowohl als Pflegefachkraft als auch als Ehrenamtliche im Demenzbereich arbeitet. Gemeinsam mit den Bewohnern hat sie schon Gutsle gebacken und den Adventskranz geschmückt.

 

Kindheitserinnerungen werden wach

 

Auch beim Aufstellen der Krippe und bei der Dekoration der Räume und der Tische für die Weihnachtsfeier beteiligt sie die alten Menschen. „Das ruft bei vielen die Kindheit wieder in Erinnerung.“ Dazu ist es wichtig, an Vertrautes anzuknüpfen: Traditionelle Rezepte, Tannenzweige, Sterne und rote Kerzen können eine Brücke bauen zu verschütteten Erinnerungen. „Dann erzählen manchmal Menschen, die schon monatelang keinen Satz mehr gesagt haben, von früher. Das ist, als wenn eine Quelle angezapft würde“, sagt Cornelia Reusch.

 

Dazu tragen auch vertraute biblische Texte, Psalmen, Gebete oder das Vaterunser bei. In manches traditionelle Weihnachtslied oder Gebet stimmen die Bewohner dann freudig mit ein. „Dann geht den Menschen das Herz auf“, erzählt Gudrun Fröhler. Im Glaskasten des Foyers im Geriatrischen Zentrum stehen seit kurzem unter anderem ein großes altes Puppenhaus und eine Zwergenstube mit beweglichen Figuren. Auch sie sollen die Bewohner an ihre Kindheit erinnern.


Das Licht von Weihnachten erfahrbar machen

 

Cornelia Reusch ist überzeugt, dass die christliche Botschaft auch Menschen mit Demenz erreicht: „Ich merke immer wieder, dass etwas ankommt. Mir ist es ein Anliegen, dass auch für diese Menschen das Licht von Weihnachten erfahrbar wird. Dort, wo es in uns dunkel ist, soll das Licht aufscheinen.“


In ihrer Weihnachtspredigt wie auch den regelmäßigen Gottesdiensten im Geriatrischen Zentrum versucht die Altenheimseelsorgerin, diese Brücke zu den Menschen mit Demenz zu bauen. „Man muss die Weihnachtsgeschichte in ganz einfachen Worten und elementaren Bildern erzählen. Das ist oft gar nicht so einfach, aber auch eine große Chance für uns.“ Wie im vergangenen Jahr wird sie auch dieses Mal Szenen aus der Weihnachtsgeschichte mit Hilfe großer Stabpuppen darstellen.

 

„Es beglückt mich, wenn Menschen erreicht werden, die Gesichter aufgehen und plötzlich ganz wach werden.“ Manchmal werden aber auch schwere Erinnerungen geweckt: „Da dürfen ruhig auch Tränen fließen“, meint die Pfarrerin. Damit auch die bettlägerigen Patienten ein Stück weit teilhaben können, sind während der Weihnachtsfeier alle Türen weit offen und eine Gruppe von Sängern geht in die Zimmer, um Weihnachtslieder vorzutragen.


Atmosphäre ist wichtig

 

Menschen mit Demenz sind offen für Atmosphärisches, genießen deshalb die feierliche Stimmung einer Weihnachtsfeier und die Gemeinschaft mit anderen. Allerdings dürfe die Feier nicht zu lange dauern und auch wenn der eine oder andere unruhig werde oder gehen wolle, müsse man das akzeptieren, sagt Gudrun Fröhler. „Wir sind da ganz flexibel und halten nicht krampfhaft an unserem Programm fest“, ergänzt Cornelia Reusch. Zur Weihnachtsfeier sind bewusst Mitarbeiter, Alltagsbegleiter und vor allem auch Angehörige eingeladen. „Die haben es oft besonders schwer“, weiß die Pfarrerin.