29.10.15

„Sie geben dem Flüchtling ein Gesicht“

Die Freundes- und Arbeitskreise Asyl sind wichtige Säulen in der Flüchtlingsarbeit im Landkreis Esslingen. Um den Ehrenamtlichen fachliches Rüstzeug für ihre Arbeit und die Gelegenheit zu Austausch und Vernetzung zu geben, lud die Liga der freien Wohlfahrtspflege im Kreis zum zweiten Fachtag für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe nach Plochingen ein. Im Zentrum standen die Themenfelder Sprache und Arbeit.

E. Haußmann begrüßt - Foto: URH

Rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem ganzen Landkreis folgten der Einladung in das evangelische Gemeindehaus. In zwei Arbeitsgruppen gaben Experten verschiedenster im Asylverfahren beteiligter Institutionen fachliche Informationen. Die Ehrenamtlichen konnten Fragen stellen, Probleme diskutieren und sich austauschen, aber auch über Wünsche, Anregungen und Forderungen sprechen. „Sie tragen vor Ort dazu bei, dass der einzelne Flüchtling ein Gesicht bekommt. So wird aus einem Flüchtling ein Mensch mit seiner Besonderheit, seiner Geschichte, seinem Wesen, seinen Nöten und Ängsten, seiner Religion und Herkunft und seinen Wünschen für sein Leben“, würdigte Eberhard Haußmann, Vorsitzender der Liga und Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, den Einsatz der Ehrenamtlichen. Auch wenn vieles angesichts des ständigen Zustroms neuer Flüchtlinge verständlicherweise nicht rund laufe, werde doch im Landkreis gute Arbeit geleistet. Beim Thema Beschäftigung seien Arbeitsagentur und Jobcenter gefragt. Doch über allem stehe die Sprache, so Haußmann.

Deshalb wolle man einen Überblick über die vielfältigen Angebote zum Spracherwerb im Landkreis geben, die Vor- und Nachteile verschiedener Modelle und Strategien diskutieren und sich über Materialien, Strategien und Erfahrungen austauschen, ergänzte Brigitte Chyle, stellvertretende Liga-Vorsitzende und Caritas-Fachleiterin. Dass das Thema Spracherwerb auch für Ehrenamtliche verwirrend sein kann, wurde in der Diskussion klar. Wer hat Zugang zu welchem Sprachkurs? Wie geht man mit dem unterschiedlichen Niveau der Flüchtlinge um? Welche Methoden sind geeignet für diejenigen, die Analphabeten sind? Und was macht man mit Flüchtlingen, die umziehen, während noch der Sprachkurs läuft? Diese und viele andere Fragen versuchten verschiedene Fachleute zu beantworten.

Zum Erlernen der Sprache motivieren

 

Den Ehrenamtlichen komme dabei auch die wichtige Funktion zu, die Flüchtlinge zum Erlernen der deutschen Sprache und zur regelmäßigen Teilnahme an den Kursen zu motivieren, sagte Sarina Arnold, die selbst Sprachkurse in Esslingen gibt. Sie stellte auch eine ganze Reihe von Unterrichtsmaterialien und Einstufungshilfen vor. Viele der Teilnehmer steuerten auch ihre eigenen Erfahrungen mit unterschiedlichen Lehrbüchern und Methoden bei. Arnold warb auch um Verständnis dafür, „dass die Flüchtlinge so viele andere Probleme haben und dann auch noch Deutsch lernen sollen – da ist ihr Kopf oft zu voll“.

Kompliziertes Aufenthalts- und Arbeitsrecht

Der Kopf schwirrte auch manchem Teilnehmer, der sich der Arbeitsgruppe zum Thema Arbeit und Beschäftigung angeschlossen hatte. Wer arbeiten darf, hänge entscheidend vom Aufenthaltsstatus ab, erklärte Melanie Gollert vom Ausländeramt Kirchheim. Aufenthaltsgestattung, Duldung, eine Bescheinigung über eine Meldung oder Aufenthaltserlaubnis – jeder Status hat Auswirkungen auf die Möglichkeit der Beschäftigung. Wer eine Aufenthaltserlaubnis hat, darf sich etwa frei eine Beschäftigung suchen. Andere unterliegen einem kompletten oder dreimonatigen Arbeitsverbot. Der Dschungel der bürokratischen Regelungen schien manchem schwer durchschaubar. Auch hier gab es viele Fragen: Ist ein Praktikum eine Beschäftigung? Wie steht es mit gemeinnütziger Arbeit und wann ist eine Ausbildung erlaubt?

Es braucht ehrenamtliche Unterstützer

Über Abläufe und Fördermöglichkeiten im Jobcenter informierte Monika Geiger, stellvertretende Geschäftsführerin des Jobcenter Esslingen. Wie wichtig die Erhebung der Kompetenzen der Flüchtlinge ist, betonte auch Jobcenter-Geschäftsführer Werner Schreiner. Nur so sei eine gezielte Vermittlung möglich. Arbeitgeber seien durchaus bereit Ausbildungs- und Arbeitsplätze anzubieten. Auch er setzt auf die Ehrenamtlichen: „Wir brauchen Sie als Unterstützer.“ Helga Rütten, Leiterin des Caritas-Zentrums Esslingen, fasste zusammen: „Es wird viel versucht und es gibt gelungene Vermittlungen.“ Wie eng Sprache und Beschäftigung zusammenhängen, formulierte ein Teilnehmer: „Das Wichtigste ist die Qualifizierung als Schlüssel zur Arbeitswelt. Und das geht nur mit der Sprache“, so sein Fazit.