30.10.15

Eintreten für ein friedliches Miteinander

Die Aufnahme, Begleitung und Integration von Flüchtlingen fordert auch die Kirchengemeinden heraus. Über den Umgang mit Fremden und Bedürftigen finden sich in der Bibel klare Worte. Doch wie kann der ganz konkrete Beitrag der Kirche in der aktuellen Flüchtlingsarbeit aussehen? Darüber macht man sich im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen Gedanken.

Begegnungscafé in Zell - Foto: URH

„Ganz selbstverständlich bringen sich die Kirchengemeinden in dieser Situation ein. Sie sind in vielen Fragen die ersten Adressaten“, freut sich Dekan Bernd Weißenborn. Viele ehrenamtliche Helfer in den Asyl-Arbeitskreisen kommen aus den Kirchengemeinden und leisten tatkräftige Unterstützung in vielfältiger Weise. Die Kirche könne bei der Suche nach Ehrenamtlichen mithelfen, diese seelsorgerlich begleiten und für ihre Aufgabe schulen, so der Dekan. Vereinzelt werde auch kircheneigener Wohnraum zur Verfügung gestellt. Doch hier seien die Möglichkeiten begrenzt, sagt Weißenborn. Vielmehr könnten die Kirchengemeinden ihre Netzwerke nutzen, um vor allem für die Anschlussunterbringung der Flüchtlinge Wohnungen zu finden.


Die Kirchen wollen aber auch für ein friedliches Miteinander werben und dafür die Wege nutzen, über die sie die Menschen erreichen. „Wir wollen dazu beitragen, Ängste und Vorurteile abzubauen, das Miteinander zu fördern und auch Fehlentwicklungen benennen“, betont Weißenborn. Dazu gehört für ihn etwa, einen menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen einzufordern. Allerdings dürfe man die soziale Gerechtigkeit nicht aus den Augen verlieren: „Wir stehen an der Seite der Flüchtlinge, aber wir wollen auch andere Menschen nicht vergessen, die in unserer Gesellschaft bedürftig sind und unsere Solidarität brauchen.“ Wohnraum oder eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge seien gut, für Obdachlose aber ebenso wichtig, nennt er Beispiele.

 

Pfarrer als Netzwerker


Wie umfangreich die ehrenamtliche Unterstützung für Flüchtlinge in den Kirchengemeinden ist, skizzierte Pfarrer Enno Knospe, Beauftragter für Flüchtlingsarbeit im Kirchenbezirk. Es werde viel Geld gespendet, kirchliche Räume würden zur Verfügung gestellt, Kleiderkammern, Sprachunterricht, Fahrradwerkstätten, Begegnungsmöglichkeiten und Freizeitangebote organisiert oder Flüchtlinge zu Behörden oder Ärzten begleitet. Hierbei seien die Pfarrerinnen und Pfarrer als Netzwerker gefragt.

 

Damit die freiwilligen Helfer für ihre nicht immer einfache Aufgabe das nötige Rüstzeug bekommen, bieten Kirche und Diakonie Qualifizierung und fachlichen Austausch an. „Es gibt ein großes Informationsbedürfnis“, hat Knospe beobachtet. Wo Profis gebraucht werden, springen auch die kirchlich-diakonischen Einrichtungen in die Bresche.

 

Vernetzung verstärken


Zur Wächterrolle der Kirche gehöre auch, dafür zu sorgen, dass sich Ehrenamtliche nicht überfordern, erklärt Weißenborn. Wie lange sich das ehrenamtliche Engagement auf dem derzeit hohen Niveau halten lasse, vermag er nicht zu sagen. Auf Dauer müsse man in manchen Bereichen wahrscheinlich über hauptamtliche Strukturen nachdenken. Der evangelische Diakoniepfarrer Martin Maile aus Esslingen-Zell wünscht sich zudem eine noch stärkere Vernetzung mit den zuständigen Stellen in Stadt und Landkreis und einen runden Tisch der Flüchtlingsarbeit für Esslingen.

 

Christliche Frömmigkeit kennenlernen

 

Auch religiös ist die Flüchtlingsfrage eine Herausforderung für christliche Gemeinden. „Wir treten wieder ganz neu in den interreligiösen Dialog ein“, sagt Weißenborn. Maile beobachtet immer wieder, wie sich im Begegnungscafé im evangelischen Gemeindehaus in Zell Christen und Muslime nicht nur über Fragen menschlichen Zusammenlebens oder deutsche Kultur, sondern auch über ihren Glauben austauschen. „Es ist wichtig, dass die überwiegend muslimischen Flüchtlinge christliche Frömmigkeitspraxis kennenlernen“, sagt Maile. Auch wenn die Christen unter den Flüchtlingen die Minderheit sind, gibt es Bestrebungen, diese in die Gemeinden einzubinden, berichtet Knospe von Übersetzungen in Gottesdiensten, etwas in Esslingen-Hohenkreuz.

 

Maile plädiert für „friedliche Koexistenz nicht in Abgrenzung sondern gegenseitiger Akzeptanz“. Keinesfalls wolle man aus Muslimen Christen machen. Es seien anfangs solche Bestrebungen zur Bekehrung beobachtet worden, erzählt er. Diese habe man sofort dezidiert abgewehrt. Vor allem wolle man keine Übertritte zum christlichen Glauben, nur um die Chancen auf Asyl zu verbessern.